Friedrich Schütz: Der Eisenturm in der Geschichte

Schon in der Antike war Mainz durch eine Stadtmauer geschützt. Auf ihr gründeten sich die mittelalterliche und die neuzeitliche Befestigung. Am Rheinufer verlief sie entlang der Schlossergasse im Süden über die Rotekopfgasse, den Brand, die Löhrstraße und die Rheinstraße bis zur Höhe des Kurfürstlichen Schlosses und bog dann zur Mittleren Bleiche ab. Erhalten sind lediglich kleine Abschnitte an der Schlossergasse, an der Fischergasse und an der Hinteren Bleiche. Erhalten sind auch drei markante Turmbauten. Während der Alexanderturm auf dem Kästrich römische Fundamente hat, sind der Holzturm und der Eisenturm Neubauten des Mittelalters. Beide waren im 19. Jahrhundert vom Abriss bedroht. Anders als der Fischtorturm, der 1847 abgerissen wurde, weil er vom Rhein aus die Sicht auf den Dom verdeckte, blieben der Holzturm und der Eisenturm – benannt nach den Stapelplätzen am Rheinufer – erhalten und prägten die Stadtsilhouette vom Rhein aus. Durch die Anschüttung des Rheinufers zwischen Winterhafen und Kurfürstlichem Schloss zur Gewinnung von Bauland wurden nach 1870 beide Türme ein wenig vom Rheinufer abgerückt. Die mit der Anschüttung verbundene Höherlegung des Straßenniveaus ist bei beiden Türmen noch zu erkennen.

Um 1880 forderten viele Altstadtbewohner, vor allem aber der Verein Altstadt, der die Interessen der Wirtschaft vertrat, den Abriss des Holzturms, weil er den Verkehr in die Holzstraße behindere. Die Stimmen verstummten aber, weil man befürchtete, der Mainzer Altertumsverein würde die Öffentlichkeit mobilisieren.

In die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fällt die Bauzeit des Eisenturms, jedenfalls des romanischen Torgeschosses mit den beiden staufischen Löwenplastiken an der Rheinseite. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf sechs Geschosse erhöht, öffnete sich der Turm zum Zentrum der Stadt. Denn in seiner unmittelbaren westlichen Nachbarschaft befanden sich das Rathaus, das Kaufhaus und das Heiliggeistspital, die notwendigen Bestandteile einer mittelalterlichen Stadt.

Im 16. Jahrhundert verlor der Eisenturm seine Funktion als Stadttor. Der Durchgang wurde zugemauert. Von der Löhrstraße aus waren vier Garküchen angebaut, zwischen denen sich der Zugang zum Turm befand. Im 19. Jahrhundert erfolgte dieser durch das Haus Löhrstraße 14. Der Turm selbst hatte die Adresse Löhrstraße 12, die heutige heißt Rheinstraße 59. An der Rheinseite lehnten sich Häuser an die beiden Turmanbauten an und bildeten eine geschlossene Bauflucht. Häufig wird der stattliche Bau als »Eiserner Turm« bezeichnet. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hieß er »Eisentörleinturm«, in der Mitte des 17. Jahrhunderts »der groß turn«, in der Mitte des 18. Jahrhunderts »Eysen Thurn«, 1657 auch »gefängnis«, 1687 und 1747 »stockhaus«. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts richteten die Franzosen den Turm als Militärgefängnis her und ließen das Grundstück ummauern.

1816 erklärte eine Kommission, die auf Grund eines Staatsvertrags zusammengetreten war, den Eisenturm zum Eigentum der Bundesfestung Mainz. 1849 saßen dort die prominentesten der wegen ihrer Teilnahme am pfälzisch-badischen Aufstand Angeklagten in Untersuchungshaft. 1854 erwog der Bundestag den Verkauf des militärisch unbrauchbar gewordenen Gebäudes. Der 1844 gegründete Verein zur Erforschung der rheinischen Geschichte und Altertümer (Mainzer Altertumsverein) wandte sich daraufhin an die Bundesbehörden mit der Bitte, eine Niederlegung des Turms zu verhindern. Als der Bundestag am 24. August 1854 beschloss, von einem Verkauf abzusehen, erschien lediglich in dem wenig gelesenen »Rheinhessischen Volksblatt« eine kurze Notiz. Durch Vermittlung des preußischen Bundestagsgesandten Otto von Bismarck, dem späteren Reichskanzler, wurde der Turm 1855 dem Altertumsverein zur kostenlosen Benutzung überlassen. Ein Zusatzvertrag von 1867 bestimmte, dass der Verein für einen guten baulichen Zustand zu sorgen hatte und keine wesentlichen Veränderungen vornehmen durfte.

Im Eisenturm wohnten einige Mieter, vor allem der Vereinsdiener. In der Torhalle und im Hof lagerte der Altertumsverein einen Teil seiner Architektur- und Inschriftendenkmäler. 1888 zeigte sich an der nördlichen Turmseite eine beträchtliche Baufälligkeit. In der Umgebung eines alten Risses hatte sich Mauerwerk gelockert und war herabgestürzt. Die Stadtverwaltung bat die Militärbehörden vergeblich um Übernahme der Reparatur und um Verkauf des Turms an die Stadt Mainz. Die Stadtverordnetenversammlung bewilligte 1891 die Bereitstellung der Reparaturmittel, die das städtische Bauamt auf 3 000 Mark veranschlagt hatte. Nach Angaben des Altertumsvereins wendete dieser in den Jahren 1892 bis 1900 aus eigenen Mitteln 2.600 Mark für Reparaturen auf. Aber wirklich umfassende Instandsetzungsmaßnahmen waren bis 1900 nicht durchgeführt worden. Der Altertumsverein hatte kein Geld und die Stadt Mainz lehnte eine Übernahme der Kosten ab, weil der Turm ihr nicht gehörte. Dies war der Stand der Dinge, als die Militärbehörde 1900 erneut mit einem Abriss drohte. Mehrfach hatte die Stadt Mainz Kaufinteresse gezeigt und auch andere Gebäude zum Tausch angeboten, ohne dass die Verhandlungen zu einem Ergebnis geführt hätten. Im Juni 1900 erklärte Oberbürgermeister Gassner, die Stadt Mainz bedaure, von einem Erwerb absehen zu müssen. Die weiteren Verhandlungen sollte der Altertumsverein führen.

Das Mainzer Festungsgouvernement erklärte daraufhin, es werde den Eisenturm sofort auf Abbruch verkaufen, wenn der Altertumsverein das angeblich baufällige Gebäude nicht wieder instand setzen lasse. Notgedrungen übernahm der Altertumsverein die Haftung im Sinne des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches, aber nur für die Dauer der Erwerbsverhandlungen, da er kein Eigentumsrecht an dem Turm besaß.

In der Sackgasse entschloss er sich zu einem ungewöhnlichen Schritt. In einer Petition an den Reichstag und an das Preußische Kriegsministerium bat er um eine kostenlose Überlassung des Turms. Wichtige Schützenhilfe leistete Provinzialdirektor Max von Gagern in seiner Eigenschaft als Territorialkommissar, als Verbindungsmann des Landesherrn zu den Festungsbehörden. Er wies nämlich auf eine Verordnung aus dem Jahr 1818 hin, die ein Verzeichnis aller im Großherzogtum Hessen befindlichen »Überreste« ankündigte und alle Veränderungen an diesen von der Genehmigung des Großherzogs abhängig mache. Es dürfte sich um die älteste staatliche Maßnahme des Denkmalschutzes im Großherzogtum Hessen handeln. Diese Bestimmung schob einen Riegel vor alle Abrissabsichten des Militärfiskus.

Die Verhandlungen führten aber nicht zum Ziel, obwohl der Altertumsverein zäh an seinen Erwerbsabsichten festhielt, den Wert des Turms nach Angaben des Festungsgouvernements auf 10 000 und die jährlichen Unterhaltungskosten auf 400 Mark schätzte, den Kauf aber gegen eine »Erkennungsgebühr« wünschte.

Jetzt machte das Reichsschatzamt einen Verkauf abhängig von dem Abriss der »minderwertigen« Turmanbauten. 1901 erklärte Oberbürgermeister Dr. Heinrich Gassner, die Stadt sei zum Kauf gegen eine Erkennungsgebühr und zur Zahlung der Unterhaltungskosten bereit, lehnte aber eine Freilegung ab: Gerade in seiner jetzigen Gestalt biete der Eiserne Turm ein interessantes und malerisches Bild, das an Reiz viel verlieren würde, wenn die den Hintergrund bildenden Gebäude beseitigt werden würden. Im Herbst 1903 genehmigte das Kriegsministerium in Berlin den Verkauf an die Stadt Mainz. Der Vertrag nahm Bezug auf das hessische Denkmalschutzgesetz von 1902, das erste in Deutschland. Im Vertragsentwurf über den Verkauf des Eisenturms hieß es: »Änderungen an dem Eisernen Turm dürften nur dann vorgenommen werden, wenn sie durch die Bestimmungen ... des Hessischen Gesetzes vom 16. Juli 1902, den Denkmalschutz betreffend, gestattet sind«. Durch notariellen Vertrag ging der Eisenturm am 20. Oktober 1905 endlich in den Besitz der Stadt Mainz über. Diese überließ ihn und das zugehörige Gelände dem Mainzer Altertumsverein zur Nutzung. Der Denkmalschutz empfahl die Beibehaltung der Anbauten und der den Turm umgebenden Mauer, obwohl deren Existenz von Anfang an umstritten war. 1930 hieß es in einem Zeitungsartikel, so vorteilhaft und markant der Turm über den rückwärtigen Häusern der Löhrgasse in Erscheinung trete, so unschön wirke seine Rheinfront, weil die Mauer das harmonische Bild verdecke. Sie diene lediglich als willkommene Werbefläche und schließe einen sonnenlosen Hof ab, in dem nur »altes Gestein« aufgetürmt sei.

1934 wurden die Häuser in der Löhrstraße restauriert, ihr Fachwerk freigelegt und die Umfassungsmauer für einen Durchgang unterbrochen. Die eigentliche »Freilegung« besorgten die Bomben im Zweiten Weltkrieg. Auch der Turm wurde schwer beschädigt. 1974/75 fanden grundlegende Restaurierungsmaßnahmen statt. Jetzt endlich fiel auch die hässliche Umfassungsmauer. Bis in jene Jahre hinein hielt der Mainzer Altertumsverein seine heute noch so genannten »Turmabende« im Eisenturm ab.